10 Jahre TWINCORE 2008-2018

Von der Idee zum Infektionsforschungszentrum

Interview mit den Wegbereitern des TWINCORE


Von ersten Ideen, über umfangreiche Planungen, der Gründung des Zentrums bis zum Renommee als erfolgreiches Institut für Infektionsforschung vergingen mehr als zehn Jahre. Professor Dieter Bitter-Suermann, ehemals Präsident und Ärztlicher Direktor der MHH, sowie Professor Rudi Balling, der frühere Wissenschaftliche Geschäftsführer des HZI, und TWINCOREGeschäftsführer Professor Ulrich Kalinke sprechen über die Anfänge.

Herr Balling, Herr Bitter-Suermann, Sie gelten als Gründerväter des TWINCORE und entwarfen das Konzept. Wie kamen Sie auf die Idee, diese Einrichtung zu gründen?

Rudi Balling: Wir müssen zurückgehen bis ins Jahr 2000. Die Basis war natürlich die Beziehung zwischen dem HZI, damals noch Gesellschaft für Biotechnologische Forschung, und der MHH. Die Idee, dass man innerhalb von Niedersachsen eine Hochschule mit einem Helmholtz-Zentrum verbindet und die Vorteile der Grundlagenforschung mit der High-End Medizin zusammenbringt, hatten wir bereits und damals hatten wir schon eng zusammengearbeitet. Was fehlte, war ein Fokus, auch in Form eines Gebäudes.

Wie ist dann aus der Idee dieses Zentrum geworden, in dem wir jetzt sitzen?

Rudi Balling: Das begann bei einer gemeinsamen Autofahrt von Hannover nach Berlin. Irgendwo bei Magdeburg erzählte Dieter Bitter-Suermann, dass das Gebäude des Max-Planck-Instituts für Experimentelle Endokrinologie zum Verkauf steht und innerhalb von drei Sekunden stand die Frage im Raum: Wäre das nichts für uns? In dem Moment hat es geblitzt.

Und in diesem ehemaligen Max-Planck-Gebäude befinden wir uns gerade…

Rudi Balling: Genau, aber das hat gedauert... Hier kamen eine Reihe glücklicher Umstände und auch Beziehungspflege zusammen. Ich komme ja ursprünglich aus der Max-Planck-Gesellschaft und die Schwelle, zum Telefon zu greifen, war gering. Die Entscheidung für den Verkauf fiel dann relativ schnell, nach etwa zwei Jahren.

Dieter Bitter-Suermann: Am HZI haben viele die Stirn gerunzelt, als die MHH kein Geld hatte und Rudi Balling gesagt hat: Dann kaufen eben wir, Helmholtz und das HZI, dieses Gebäude. Es gab dann allerdings noch viele Schwierigkeiten mit der Frage, wie eine medizinische universitäre Einrichtung mit einem Helmholtz-Institut rechtssicher kooperieren kann. Es hat weitere vier Jahre gedauert, bis das TWINCORE letztlich gegründet war.

Gibt es ein Ereignis, an das Sie sich im Zusammenhang damit besonders gerne erinnnern?

Dieter Bitter-Suermann: Das war natürlich am Ende der erfolgreiche Zusammenschluss. Rudi Balling hatte, sportlich aktiv wie er ist, ein Tandem als Symbol für unseren Schulterschluss organisiert und wir haben eine Ehrenrunde damit auf dem TWINCORE-Gelände gedreht. Das war die festliche Eröffnung des TWINCORE im August 2008 und in dem Moment hat Ulrich Kalinke als Geschäftsführender Direktor das TWINCORE übernommen...

Rudi Balling: (lacht…)

Herr Kalinke, das klingt nach großen Herausforderungen: ein abgelegtes Max-Planck-Gebäude und zwei Muttereinrichtungen. Wie haben Sie die gemeistert?

Ulrich Kalinke: Oh ja… Wir haben massive Eingriffe am Gebäude vorgenommen. Der heutige Waschküchenund Tierhausbereich bestand früher aus verschachtelten Gängen; durch den Umbau konnten wir Arbeitsabläufe vereinfachen. Dieser Bereich ist überhaupt nicht mehr wiederzuerkennen... Das Belüftungssystem der Labore entsprach nicht mehr den modernen Anforderungen... Aber wir haben das Ganze mit erstaunlicher Geschwindigkeit umsetzen können. Heute kommen viele Gäste und sagen: Ihr habt hier aber ein tolles, schickes, neues Gebäude bekommen!

Aber Wissenschaft ist mehr als moderne Labore und ein schickes Gebäude. Wie ist das TWINCORE zu dem geworden, was es heute ist?

Ulrich Kalinke: Wichtig waren die ersten Projekte, die zusammen mit Kliniken etabliert wurden und das lief sehr gut an. Aus der Zusammenarbeit von Thomas Pietschmann und Michael Manns sind die ersten „Physician- Scientists“ hervorgegangen, ein Konzept, das wir dann zusammen mit vielen jungen Ärzten aus den verschiedensten Disziplinen weiter entwickelt haben. Das war praktisch wie eine Initialzündung. In die Zeit fiel auch die Grundkonzeption der „Jungen Akademie“, die später als Förderinstrument für junge Ärztinnen und Ärzte mit zwei ärztlichen und naturwissenschaftlichen Mentorinnen und Mentoren umgesetzt wurde. Das hat hier viele neue Projekte befördert. Das war dann die nächste Ausbaustufe nach weiteren Jahren.

Dieter Bitter-Suermann: Wenn man lange in der Wissenschaft ist, lernt man: So etwas geschieht nicht in zwei, drei Jahren. Ich habe als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats und Aufsichtgsrats des HZI zuerst mit Jürgen Wehland, dann mit Rudi Balling, fast 10 Jahre gebraucht, um das HZI und die MHH zu verbinden. Seit der TWINCORE-Gründung sind noch einmal zehn Jahre vergangen, um mit den Wissenschaftlern Translation aus der Grundlagenforschung in die Medizin hineinzubringen. Diese zehn Jahre waren nicht nur eitel Sonnenschein. Es war ein mühevolles Geschäft, das Bewusstsein zu schaffen, dass Translation Zukunft in der Infektionsforschung hat.

Apropos Zukunft: Welche Schwerpunkte sehen Sie dort, Herr Kalinke?

Ulrich Kalinke: Der Weg war sicherlich mühsam, aber wir haben jetzt hervorragende Interaktionen, auch mit großen Kliniken. Jetzt wollen wir diese Interaktionen vertiefen und noch nachhaltiger gestalten. Wir wollen unsere jungen ‚Wissenschafts-Stars‘ hier am TWINCORE weiter entwickeln und uns künftig noch stärker auf bestimmte Themen fokussieren. Da spielen Atemwegsinfektionen eine zentrale Rolle, gastrointestinale Infektionen, Organbeteiligungen wie bei Lebererkrankungen und natürlich die Impfstoffforschung.

Herr Balling, Herr Bitter-Suermann, wenn Sie noch einmal zurückschauen auf Ihre Ideen während der Autofahrt nach Berlin, haben sich dann Ihre Erwartungen für das TWINCORE verwirklicht?

Dieter Bitter-Suermann: Wenn man mal Abstand von der Ansicht nimmt, so etwas müsste schneller gehen, dann ist TWINCORE an einem Punkt, wo sich meine Ideen voll verwirklicht haben.

Rudi Balling: Ich gehe noch ein Stück weiter: Wenn wir das TWINCORE nicht gegründet hätten, dann wäre die gesamte Wissenschaftsregion nicht in dem florierenden Zustand, in dem sie jetzt ist. Hier können sowohl die Städte Hannover und Braunschweig als auch das Land Niedersachsen – eigentlich wir alle – stolz sein. Ich glaube wir haben zum richtigen Zeitpunkt das Richtige getan.

  • Wie ist das TWINCORE entstanden?
  • Was bedeutet translationale Infektionsforschung und weshalb braucht es dafür ein eigenes Zentrum?
  • Wer arbeitet am TWINCORE woran?

Diese und weitere Fragen beantwortet Ihnen unsere Broschüre "Infektionsforschung zwischen Grundlagen und Klinik - 10 Jahre TWINCORE". Wir laden Sie ein, zu einer Reise durch die rasante Entwicklung der translationalen Infektionsforschung.